| "Das Wort stirbt, wenn wir es nicht mit anderen teilen" Tschingis Aitmatow, Kirgisischer Schriftsteller |
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Die Menschen reden gegeneinander statt miteinander. Und geben vor, zu wissen,
was Sache ist.
In der Politik erleben wir eine zunehmende Polarisierung (Schlagworte und einfache
Lösungen statt gemeinsames Nachdenken über komplexe Zusammenhänge
und gemeinsames Suchen nach Lösungen) mit dem Ergebnis, dass Probleme je
länger je weniger angemessen gelöst werden. Dabei hat jede politische
Gruppierung nur Ideen und Vorstellungen, was 'die Realität' ist und wie
Probleme gelöst werden können. Niemand ist im Besitz der 'objektiven
Wahrheit', alle vertreten nur ihre Interessen, und sie tun dies aus ihrer Sicht
der Dinge, aus ihrem Verständnis der Welt heraus.
Der Dialog ist eine bestimmte Form der Kommunikation. Dabei verwende
ich den Begriff 'Dialog' in diesem Zusammenhang nicht umgangssprachlich, sondern
im Sinne von David Bohm. Im Dialog kommen Menschen zusammen, um gemeinsam zu
denken, miteinander zu erkunden, zusammen nach Lösungen von Problemen zu
suchen.
Der Quantenphysiker David Bohm (1917 - 1992) hat sich in seiner letzten
Schaffensperiode intensiv mit dem Dialog beschäftigt. Während es in
einer Diskussion (lateinisch von discutere = zerschlagen, zerteilen, zerlegen)
darum geht, die Ganzheit auseinanderzunehmen, zu sezieren, hat 'Dialog' (griechisch
von Dia = durch, Logos = Wort) für Bohm die Bedeutung eines 'freien Sinnflusses,
der unter uns, durch uns hindurch und zwischen uns fliesst'. Es geht also um
Partizipation, miteinander denken, sich beteiligen, um Teilhaben am Ganzen.
Bohm sagt, dass es unser Denken ist, das die Welt zerteilt und das, was ursprünglich
ganz war, zerstückelt und fragmentiert.
Wir meinen, dass unser Denken die Dinge und die Erfahrungen so beschreibt, wie
sie sind. Dass wir es mit objektiven äusseren Realitäten zu tun haben,
die unabhängig von uns und unserem Wahrnehmen und Denken existieren.
Das ist ein folgenschwerer Irrtum. Wir erschaffen uns unsere Realität mit
unserem Denken, wir konstruieren sie fortwährend. Und sagen dann, wir hätten
gar nichts getan. Wir würden nur die 'äussere objektive Realität'
wahrnehmen und beschreiben. Und weil die äussere objektive Realität
eben eine objektive Realität sei, gelte sie auch für alle anderen.
Dann stecken wir wieder einmal mitten in einer unergiebigen Diskussion, die
alle Beteiligten unzufrieden zurücklässt.
Zentrale Begriffe für den Dialog
Als 'Container' bezeichnen wir die Vereinbarung über Ort,
Zweck und Dauer des Dialogs.
Die Beteiligten treffen sich regelmässig alle 2 Wochen für 2-3 Stunden,
während einem Jahr oder länger. Es ist wichtig, dass diese Struktur
von allen während der ganzen Zeit aufrechterhalten wird, auch wenn es vor
allem in der Anfangsfase schwierig und unsicher ist.
Zuhören: ich muss zuerst mir selber zuhören, bevor
ich anderen zuhören kann: welche inneren Bewegungen, Gedanken und Bewertungen
entstehen in mir, wenn ich zuhöre? Wenn ein anderer erst 2 Sätze gesagt
hat, fangen wir an, innerlich zu argumentieren, eine Entgegnung vorzubereiten,
zuzustimmen oder abzulehnen, zu bewerten.
Wenn ich diese Bewegungen wahrnehmen kann, wird es möglich, diese automatischen
inneren Reaktionen etwas beiseitezustellen, um das, was ich höre, wirklich
bei mir ankommen zu lassen. Das ist dann wirkliches zuhören: nämlich
dem anderen statt mir selber.
Zuhören bedeutet, aus einem inneren Schweigen heraus etwas auf sich wirken
zu lassen.
Partizipieren: wenn ich wirklich zuhöre, kann ich teilhaben
an etwas Grösserem, ich kann teilhaben am Wesen meiner Gesprächspartnerin,
meines Gesprächspartners, und wir können in einen gemeinsamen, erfrischenden
Fluss von Austausch eintreten, der im Moment entsteht und nicht aus der Erinnerung
erzeugt ist. Das ist Teilhaben am Sein an sich.
Respektieren: (lateinisch re-spectere: erneut hinschauen, beobachten)
bedeutet, auf Abwehr, Schuldzuweisung, Abwertung und Kritik zu verzichten. Alle
dürfen so sein, wie sie sind. Jede Idee, jede Meinung ist genauso richtig
und legitim wie meine eigenen Ideen.
Artikulieren heisst, die eigene, authentische Sprache finden und seine
eigene Wahrheit aussprechen.
Wir versuchen im Dialog von dem zu sprechen, was uns wirklich bewegt. Intellektuelle
Höhenflüge, abstrakte Abhandlungen und Selbstdarstellungen führen
nicht weiter.
'Mentale Modelle': wir reagieren alle aus inneren Annahmen
und Entwürfen heraus auf die Menschen und die Welt. Diese inneren mentalen
Modelle steuern unser Handeln, und wir interpretieren und verstehen Wahrgenommenes
mit Hilfe unserer mentalen Modelle.
Der Konstruktivismus geht davon aus, dass jede Person ihre
Realität selber schafft. Wir machen laufend Konstrukte, Annahmen über
die Welt und das Leben, aber wir erkennen es nicht als Annahmen, sondern wir
sagen, dass die Welt so ist, wie wir sie verstehen. Im Grunde kann man sagen,
dass es so viele Welten gibt, wie es Menschen gibt. Natürlich brauchen
wir geteilte Definitionen, Erfahrungen und Realitäten, damit wir uns verständgen
können. Aber diese gemeinsame, geteilte Realität ist nur eine dünne
Schicht, dünner als wir denken.
Suspendieren (lateinisch: herabhängen; indogermanisch: spenn: spinnen,
ziehen, etwas so aufspannen, das es sichtbar wird wie ein Spinnennetz vor einem
Fenster) bedeutet, "die eigene Meinung weder zu unterdrücken noch
stur dafür zu plädieren, sondern auf eine Weise vorzutragen, die es
einem selbst und anderen ermöglicht, sie wahrzunehmen und zu begreifen.
Suspendieren heisst, auftauchende Gedanken und Gefühle zur Kenntnis zu
nehmen und zu beobachten, ohne zwangsläufig danach handeln zu müssen."
(Isaacs)
Wenn wir unser 'Wissen' als Konstrukte erkennen, können wir im Suspendieren
unsere Annahmen und Bewertungen sichtbar machen, sie veröffentlichen, sie
vor uns 'aufhängen', sie so in der Schwebe halten und suspendieren: "das
ist meine Meinung, meine Haltung zum Thema, und ich halte diese mal in der Schwebe
und lasse mich weiter auf das ein, was da gesagt wird".
Erkunden: eine Haltung von Neugierde, Achtsamkeit und Bescheidenheit
ermöglicht, Fragen zu stellen, die uns wirklich bewegen. Und gemeinsam
zu erkunden und etwas zu entwickeln, das vorher noch nicht da war und alleine
nicht möglich gewesen wäre.
Das Denken beobachten bedeutet, zu lernen, dass es keine 'objektive' äussere
Realität gibt, sondern dass wir die 'Realität' immer aus unseren eigenen
inneren Annahmen, Ideen, Haltungen, Wertungen, Urteilen und Vorstellungen heraus
wahrnehmen. Wir erzeugen innerlich mit unserem Denken Ideen, Vorstellungen,
und dann sagt das Denken, es habe gar nichts gamacht, sondern es nehme nur wahr,
was ist.
Mit der Zeit erkennen wir, wie das Denken funktioniert, wir realisieren, dass
wir mit unseren Gedanken 'Realitäten' erzeugen. Und wir gewinnen mehr Distanz
zu unseren 'Sicherheiten' und Überzeugungen. Dann gewinnen wir Unabhängigkeit
den eigenen persönlichen Programmierungen gegenüber, aber auch gegenüber
von kollektiven Annahmen, die uns als Gruppe oder Gesellschaft verbinden. Und
es wird möglich, das Denken kreativer zu nutzen.
Verlangsamen: um uns in dieser Art selber beobachten zu können,
ist es nötig, den Prozess zu verlangsamen. Dann können wir beobachten,
welche Reflexe, Reaktionen, Wertungen, Gedanken und Erinnerungen auf eine Aussage
einer anderen Person in uns ausgelöst werden. Im Dialog setzen wir dazu
einen Sprechstab ein, um den Redefluss zu verlangsamen. Die Regel ist, dass
nur die Person spricht, die den Stab in den Händen hält.
Wenn wir diese Disziplinen gemeinsam üben, verändert sich die Atmosphäre
in der Gruppe, und wir beginnen, gemeinsam zu denken, statt feste Ideen und
gut verteidigte Ansichten gegeneinander zu stellen.
Es ist eine besondere Erfahrung, Mitglied eines Teams zu sein, in dem in dieser
Qualität gearbeitet wird.
Am Ausbildungsinstitut
GFK in Zürich gibt es seit 1999 die Möglichkeit, den generativen Dialog zu üben. Die offene Dialog-Gruppe trifft sich alle 2 Wochen
jeweils am Dienstagabend am GFK-Institut an der Konradstrasse 54 in Zürich.
Die Gruppe ist offen für alle Interessierte, die Teilnahme ist kostenlos. Kontaktperson
für die Gruppe ist Lisa Jud, Email: lisajud@bluewin.ch
Weiterbildung in Dialogbegleitung nach David Bohm: Am 4./5. November 2011 beginnt eine weitere Weiterbildung zum Dialog-Begleiter. Die Weiterbildung wird vom Ausbildungsinstitut GFK in Zürich angeboten. Sie geht über 3 Semester und kann mit einem Diplom abgeschlossen werden. Hier können Sie den Flyer und die Detail-Infos zurDialog-Weiterbildung 2011-2013 runterladen. Ich arbeite zusammen mit Lisa Jud als Ausbildner für diese Ausbildung.
Der strategische Dialog gehört in die Umgebung von Firmen und politischen Organisationen. Die Firma oder Organisation versucht mit Hilfe des Dialogs, wichtige Ziele zu erreichen.
Im strategischen Dialog ist der Dialog das Mittel, um Ziele zu erreichen, die in der Regel vorgegeben werden. Das kann für eine Firma Innovation, Kreativität, Effizienz, Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit, Umgang mit Fehlern, oder wichtige strategische Fragen zur weiteren Entwicklung der Organisation oder der Produkte sein, um sich im Markt erfolgreich bewegen zu können.
Für politische Organisationen geht es um neue Lösungen für gesellschaftliche Probleme und Fragen, die Bedeutung haben.
Im Grunde geht es darum, zu vorgegebenen Fragen neues Wissen zu generieren, das wichtig ist für die weitere Entwicklung der Organisation.
In der Regel nehmen Organisationen
für diesen strategischen Dialog die Hilfe externer Dialog-Begleiter in
Anspruch. Der strategische Dialog steht im Zusammenhang Lernender
Organisationen.
Vorgehen bei der Arbeit mit Organisationen:
In der Regel beginnt das Training mit einem 3-tägigen Initial-Seminar,
in dem die Teilnehmenden mit den Grundlagen und Strukturen des Dialogs vertraut
gemacht werden. Durch Üben und Erfahren wird das Vertrauen in den Dialog
und das Dialog-Team aufgebaut.
Folgende Themen werden in Impulsreferaten und jeweils anschliessenden Dialog-Runden
erarbeitet:
- Einführung in den Dialog nach David Bohm
- artikulieren
- gemeinsam erkunden
- partizipieren
- respektieren
- das Denken beobachten
- suspendieren und in der Schwebe halten
- zuhören nach innen und nach aussen
- Arbeit mit mentalen Modellen (Konstruktivismus)
- Persönlichkeitsmuster und die Bedeutung für den Dialog
- der Unterschied zwischen Wahrnehmung und Bewertung.
Im Anschluss finden regelmässige Treffen à
ca. 2 Stunden statt, die vom Dialog-Begleiter begleitet werden, solange es sich als
notwendig erweist. Das Ziel ist, dass die Gruppe selbständig und
eigenverantwortlich mit dem Dialog weiterarbeitet und die dialogische Kommunikation
in ihre Arbeit integriert.
Ablauf eines Dialogs:
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Eincheck-Runde: |
> | Dialog-Runde: |
> |
Auscheck-Runde: |
Regeln des Dialogs
Es braucht einen 'Container', das ist eine Vereinbarung über Ort, Zeit
und Dauer des Dialogs.
Es braucht eine Verständigung, wer am Dialog teilnimmt und welchen Zweck
der Dialog verfolgt.
Die Teilnehmenden verpflichten sich, während der vereinbarten Zeit am Dialog
teilzunehmen.
Status- und Rolleneigenschaften sind während des Dialogs aufgehoben.
Die Gruppe arbeitet mit dem Sprechstab. Nur wer den Sprechstab in den Händen
hält, spricht.
Wer spricht, darf nicht unterbrochen werden.
Wenn Sie den Dialog in einem Einführungsseminar kennen lernen möchten, finden Sie auf der Site meines Netzwerks mehrsicht.net unter dem Link «Seminare» die aktuellen Daten der Dialog-Einführungsseminare (mehrsicht.dialog).